Ghosting und No-Shows im Online-Yoga

Ghosting und No-Shows im Online-Yoga

Lesedauer des Beitrags: 5 Minuten

Ghosting und No-Shows im Online-Yoga

 

Wenn Teilnehmer sich anmelden – und dann einfach untertauchen.

Ich spreche jetzt mal offen und ehrlich ein Thema an, was ganz ehrlich gesagt in vielen Branchen ein Thema ist.

Vor kurzem hatte ich ein Erlebnis, das mich ziemlich mal wieder nachdenklich gemacht hat.
Ich hatte ein Gewinnspiel veranstaltet.

Ein potenzieller Teilnehmer wollte unbedingt dabei sein, konnte aber seine Telefonnummer im Formular nicht eintragen. Also schrieb er mir persönlich eine WhatsApp und übermittelte mir seine Nummer auf diesem Weg ohne konkreten Zusammenhang. Ich wusste also gar nicht, worum genau es geht. Kennst du das, wenn Menschen dir schreiben, als gäbe es nur einen einzigen Grund, worauf man sich bezieht?

Als ich ihm gleich schrieb worauf der sich bezieht, kam keine Antwort. Als ich ihn einen Tag später – wohlgemerkt einen einzigen Tag später – anrief, passierte etwas Erstaunliches.

Er konnte sich noch nicht einmal mehr daran erinnern, dass er sich überhaupt irgendwo eingetragen hatte.
Er wusste schlicht nicht mehr, worum es ging.

Er sagte sinngemäß:

„Ich habe mich gestern sehr viel irgendwo angemeldet, ich weiß gar nicht mehr genau, wo überall.“
Und genau da wurde mir etwas klar.
Viele Menschen tragen sich heute überall ein.

Gewinnspiele.
Newsletter.
Workshops.
Onlinekurse.

Sie klicken hier, melden sich dort an – und wissen am Ende des Tages selbst nicht mehr, wo sie eigentlich zugesagt haben.

Letztendlich hat er am eigentlichen Gewinnspiel nicht teilgenommen.

Ein anderes Erleben aus meinem Arbeitsalltag:

Ich sitze auf meiner Yogamatte und bereite mich auf eine Stunde vor.
Der Raum ist vorbereitet.
Die Matte liegt.
Der Laptop steht vor mir.
Es findet der Unterricht online statt – im Rahmen einer BGM-Maßnahme für ein Unternehmen. Mehrere Mitarbeiter haben sich angemeldet. Also öffne ich den Meetingraum ein paar Minuten früher.

Nach und nach erscheinen kleine Kästchen auf dem Bildschirm.
Aber statt Menschen sehe ich vor allem eines:

schwarze Felder.
Kamera aus.
Mikrofon aus.
Manche Namen sagen mir gar nichts.

Und fünf der Angemeldeten erscheinen erst gar nicht.

Wenn ich so vor einem Bildschirm sitze, fühlt sich das manchmal ein bisschen so an, als würde ich in eine Gruppe von Geistern unterrichten.

Menschen, die sich angemeldet haben – und dann plötzlich unsichtbar werden.
Und genau hier beginnt ein Problem, das ich immer häufiger beobachte:
Menschen melden sich an – aber sie sind nicht wirklich da.

In der Datingwelt nennt man ein ähnliches Verhalten Ghosting.

Menschen tauchen einfach ab.
Keine Nachricht.
Keine Erklärung.
Keine Rückmeldung.

Im Kurs- und Seminarbereich gibt es den Begriff: No-Show.
Menschen melden sich an – und erscheinen einfach nicht.
Ganz ehrlich? Respektloser dem Veranstalter gegenüber geht es gar nicht.

 

No-Shows im Onlinekurs: Anmeldung – und dann Stille

Gerade bei Onlineformaten erlebe ich dieses Verhalten immer wieder.

Menschen melden sich an, bekommen den Zugangslink, alles ist vorbereitet – und dann passiert … nichts.
Oder sie erscheinen zu spät im Meetingraum. Ohne Kamera. Ohne, dass ich weiß wer es ist.

 

Warum Ghosting in der digitalen Welt immer häufiger wird

Ein Teil des Problems liegt vermutlich in unserer digitalen Kultur.

Online ist alles nur noch ein Klick.

Anmelden – Klick.
Meeting verlassen – Klick.
Benachrichtigungen ignorieren – Klick.

Diese technische Leichtigkeit hat eine Nebenwirkung:
Viele Menschen behandeln Termine inzwischen eher wie Optionen als wie Verabredungen.
Aber nur weil etwas digital stattfindet, heißt das nicht, dass auf der anderen Seite niemand sitzt.

Ich sitze dort.
Ich habe mich vorbereitet.
Ich habe mir Zeit freigehalten.
Und ich bin mit meiner Aufmerksamkeit in diesem Raum.

 

Warum kostenlose Angebote besonders viele No-Shows haben

Ein Phänomen fällt mir immer wieder auf:

Je weniger ein Angebot kostet, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen nicht erscheinen.

Wenn ein Unternehmen eine BGM-Maßnahme organisiert oder ein Kurs kostenlos angeboten wird, scheint im Kopf vieler Menschen etwas zu passieren:

„Ist ja egal, wenn ich nicht hingehe.“
Psychologisch ist das gar nicht so überraschend.
Was nichts kostet, fühlt sich oft weniger verbindlich an.
Für mich als Anbieterin ist es aber nicht egal.

Denn auch eine kostenlose Stunde ist nicht kostenlos in der Vorbereitung.

 

BGM-Onlinekurse: Wenn Teilnehmer unsichtbar bleiben

Besonders deutlich erlebe ich dieses Verhalten in Onlinekursen im betrieblichen Gesundheitsmanagement.

Mitarbeiter melden sich an, bekommen den Zugangslink – und tauchen dann im Meetingraum auf wie kleine schwarze Kästchen.

Kamera aus.
Mikrofon aus.
Manchmal sogar unter völlig anderen Namen als dem, unter dem sie sich angemeldet haben.

Dann sitze ich als Yogalehrerin davor und frage mich:
Ist diese Person wirklich dabei?

Oder läuft im Hintergrund einfach nur ein offenes Browserfenster?
Natürlich verstehe ich, dass nicht jeder gerne vor der Kamera ist.
Aber wenn ich als Kursleiterin noch nicht einmal weiß, wer überhaupt teilnimmt, entsteht eine sehr merkwürdige Situation.

 

Und wenn ich ehrlich bin:
Das fühlt sich für mich als Kursleiterin absurd an.

 

Warum die Kamera im Online-Yoga den entscheidenden Unterschied macht

An dieser Stelle kommt ein Punkt ins Spiel, der mir persönlich besonders wichtig ist:
die Kamera.

Die meisten Teilnehmer lassen sie im Online-Yoga ausgeschaltet.
Ich verstehe, dass manche Menschen ihre Privatsphäre schützen möchten oder sich vielleicht unsicher fühlen, gesehen zu werden.
Aber gerade im Yoga ist die Kamera kein Kontrollinstrument.

Sie ist ein Werkzeug für Verbindung und Qualität.

Wenn ich Teilnehmer sehen kann, erkenne ich zum Beispiel:

  • ob eine Haltung anatomisch sinnvoll ausgeführt wird
  • ob jemand vielleicht zu viel Spannung aufbaut
  • ob eine Bewegung angepasst werden sollte
  • oder ob jemand Unterstützung braucht
  • Letztendlich sehe ich auch, in welchem Rhythmus ich gehen kann

Yogaunterricht besteht nicht nur daraus, Übungen anzusagen.

Guter Unterricht lebt davon, auf Menschen einzugehen.

Von kleinen Hinweisen.
Von individuellen Anpassungen.
Von persönlicher Begleitung.
Wenn die Kamera ausgeschaltet ist, fällt genau diese Möglichkeit weg und letztendlich unterrichte ich im Blindflug.
Dann unterrichte ich im Grunde in einen Raum hinein, ohne zu sehen, was tatsächlich passiert.
Und gerade im Yoga geht es nicht um anonymes Mitturnen.

Es geht um Wahrnehmung.
Um Körperbewusstsein.
Und um individuelle Entwicklung.

 

Was hinter einer Yogastunde wirklich steckt

Wenn ich eine Stunde gebe – egal ob Yoga, Atemarbeit oder einen Workshop – passiert vorher eine ganze Menge.

Ich bereite mich vor.
Ich strukturiere Inhalte.
Ich halte mir Zeit frei.
Ich stimme mich innerlich auf die Stunde ein.

Unterrichten ist nicht nur das, was in der Stunde sichtbar wird.
Es ist auch das, was vorher passiert.

Präsenz.
Aufmerksamkeit.
Fokus.

Wenn Menschen dann einfach nicht erscheinen oder sich komplett unsichtbar machen, entsteht ein merkwürdiges Gefühl.
Nicht, weil ich Applaus erwarte.
Sondern weil ich merke:

Meine Arbeit wird nicht wirklich ernst genommen.

 

Warum Ghosting für Yogalehrer ein echtes Problem ist

Für viele Menschen ist Yoga einfach ein Kurs.

Eine Stunde Bewegung.
Ein bisschen Dehnung.
Ein bisschen Entspannung.
Ein bisschen ganz schön beliebig.

Für mich als Yogalehrerin ist es etwas anderes.

Yoga bedeutet Verbindung.
Verbindung zum eigenen Körper.
Verbindung zum Atem.
Und auch Verbindung zwischen Menschen.
Diese Verbindung entsteht nicht automatisch.
Sie entsteht durch Präsenz.

Wenn Teilnehmer nicht erscheinen oder sich hinter ausgeschalteten Kameras verstecken, verschwindet genau dieser Raum der Verbindung.

Ein Yogaraum – egal ob im Studio oder online – lebt von Begegnung.
Von wahrnehmbaren Menschen.
Von Atem.
Von Aufmerksamkeit.
Wenn stattdessen nur schwarze Kästchen auf einem Bildschirm stehen, fühlt sich das manchmal an wie Unterricht im leeren Raum.

Und das hat nichts mit Yoga zu tun.

 

Vielleicht geht es am Ende um etwas ganz Einfaches.

Ich glaube, dieses Thema hat weniger mit Technik zu tun, als wir denken.

Es hat auch weniger mit Zoom, Mikrofonen oder Kameras zu tun.
Es hat mit Haltung zu tun.
Mit der Frage, wie wir miteinander umgehen.
Wenn sich jemand irgendwo anmeldet, entsteht eine kleine Vereinbarung.
Keine große.
Keine komplizierte.
Einfach nur:

„Ich bin dabei.“

Und wenn jemand merkt, dass er doch nicht kommen kann, reicht ein einziger Satz.
„Heute schaffe ich es leider nicht.“
Nicht, weil ich Kontrolle brauche.
Nicht, weil ich Strenge durchsetzen möchte.
Sondern weil auf der anderen Seite ein Mensch sitzt, der Zeit, Energie und Aufmerksamkeit in diesen Raum gegeben hat.

Yoga – egal ob im Studio oder online – lebt genau davon:

Von Menschen, die wirklich da sind.
Mit ihrem Körper.
Mit ihrem Atem.
Mit ihrer Aufmerksamkeit.

Denn am Ende ist Yoga nichts anderes als das:

Die Entscheidung, präsent zu sein.

Sicherlich ist das auch jenseits der Yogamatte gar keine schlechte Idee.

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