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Zwischen Atem, Algorithmus und der Illusion vom „kostenlos“

Lesedauer des Beitrags: 3 Minuten

Yoga im 21. Jahrhundert

Zwischen Atem, Algorithmus und der Illusion vom „kostenlos“

Heute mal ein sehr persönlicher Einblick über etwas, was mich schon länger beschäftigt und in der letzten Zeit immer wieder in meinen Kreis gespült wird.

Neulich stand ich vor meiner Stunde, baute den Raum auf, bereitete alles vor. Ein neuer Teilnehmer war da. Er hatte gebucht, wollte bar bezahlen und sagte:

„Online hat das alles nicht funktioniert.“

Ich antwortete ruhig: „Was hat nicht.“ wohlwissend, dass es sehr häufig Anwenderherausforderungen sind.

Wir schweiften ab in unterschiedliche Ansichten dazu ob wir in einer digitalen oder analogen Welt leben.

Schließlich sagte er: „Aber du mit Yoga …“

Dieser Satz hing im Raum.

Aber du mit Yoga.
Was genau bedeutet das eigentlich?

Dass ich kein Buchungssystem nutzen darf?
Dass ich keine digitalen Prozesse haben sollte?
Dass Spiritualität automatisch analog sein muss?

Oder noch tiefer:
Dass Yoga nichts mit Struktur, Geld oder Business zu tun haben darf?

Das romantische Bild vom Yoga-Lehrer|innen Dasein

Es gibt dieses Idealbild.

Yoga-Lehrer|in ist immer entspannt.
Immer freundlich.
Immer sanft.
Lebt vielleicht sogar minimalistisch.
Braucht nicht viel.
Redet nicht über Geld.
Und am besten bieten sie vieles kostenlos an.

Weil Yoga doch etwas Reines ist.
Etwas Spirituelles.
Etwas, das man nicht „verkauft“.

Doch hier kommt eine unbequeme Wahrheit:

Yoga ist Beruf.
Und ein Beruf ist keine romantische Vorstellung.
Er ist Arbeit.

Wie das Leben wirklich aussieht

Eine Yogastunde beginnt nicht mit dem ersten Atemzug im Raum.

Sie beginnt Stunden vorher.

Mit Planung.
Mit Sequenzaufbau.
Mit inhaltlicher Ausrichtung.
Mit eigener Praxis.
Mit Weiterbildung.
Mit Organisation.
Mit Buchhaltung.
Mit Marketing.
Mit Kommunikation.

Dazu kommen:

Raummiete.
Versicherungen.
Fortbildungen.
Steuern.
Technik.
Fahrtkosten.
Zeit.

Und Zeit ist kein spirituelles Konzept.
Zeit ist eine reale Ressource.

Wenn Yoga-Lehrer|innen alles kostenlos anbieten –
wovon leben sie dann?

Von Idealismus?
Von Rücklagen?
Von einem Partner?
Von einem Nebenjob?

Kostenlos ist nicht neutral.
Kostenlos bedeutet: Jemand trägt die Kosten trotzdem.

Ja, ich habe das gerade eben genauso einmal provokant und spitz formuliert.

Die Illusion vom kostenlosen Yoga

„Kannst du das nicht kostenlos anbieten?“
„Es ist doch nur eine Stunde.“
„Du machst das doch gerne.“

Ja. Ich mache es gerne.

Gerne bedeutet keineswegs gratis.

Wenn Yoga-Lehrer|innen ihre Arbeit dauerhaft kostenlos anbieten, entsteht ein gefährlicher Effekt:

Die Arbeit wird unsichtbar.
Die Kompetenz wird entwertet.
Die Investition wird übersehen.

Und irgendwann auch die Person dahinter.

Yoga ist keine Gefälligkeit.
Es ist Fachwissen.
Erfahrung.
Verantwortung für Körper und Psyche.

Und Verantwortung darf einen Wert haben.

Digital arbeiten heißt nicht, geldgierig zu sein

Manchmal scheint es, als würde Professionalität im Yoga-Bereich fast schon kritisch betrachtet.

Online-Buchung?
Zu kommerziell.

Automatische Rechnungen?
Unspirituell.

Klare Stornoregeln?
Nicht yogisch genug.

Aber warum?

Digitale Systeme schaffen Klarheit.
Sie sparen Zeit. (Ja das tun sie, auch wenn ich den ein oder anderen jetzt wieder denken höre, dass das nicht stimmt)
Sie vermeiden Missverständnisse.
Sie schützen Energie.

Und diese Energie fließt zurück in das Wesentliche:
Die Qualität der Stunde.

Struktur im Hintergrund ermöglicht Präsenz im Vordergrund.

Zwischen Hingabe und Unternehmertum

Yoga-Lehrer|innen im 21. Jahrhundert bewegen sich zwischen zwei Welten.

Tradition und Moderne.
Tiefe und Wirtschaftlichkeit.
Herz und Kalkulation.

Sie dürfen achtsam sein.
Und sie dürfen wirtschaftlich denken.

Sie dürfen mitfühlend sein.
Und klare Preise haben.

Sie dürfen inspirieren.
Und Rechnungen schreiben.

Das eine widerspricht dem anderen nicht.

Vielleicht müssen wir das Bild erweitern

Vielleicht irritiert uns nicht die Digitalisierung.
Vielleicht irritiert uns nicht der Preis.

Vielleicht irritiert uns, dass Spiritualität professionell geführt wird.

Doch Bewusstsein und Business schließen sich nicht aus.
Sie brauchen einander sogar.

Denn nur wenn Yoga-Lehrer|innen wirtschaftlich stabil sind,
können sie langfristig Qualität bieten.
Können sie sich weiterbilden.
Können sie wachsen.
Können sie bleiben.

Mein Standpunkt

Ich bin Yogalehrerin.
Ich bin Unternehmerin.
Ich arbeite digital.
Und ich stehe zu meinen Preisen.

Nicht aus Härte.
Sondern aus Verantwortung.

Für meine Energie.
Für meine Zeit.
Für meine Qualität.

Yoga darf weich sein.
Aber es darf auch klar sein.

Und vielleicht ist genau das das moderne Yoga:
Bewusst.
Strukturiert.
Wertschätzend – auch mir selbst gegenüber.

Danke, dass Du bis zum Schluss geblieben bist.

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2 Gedanken zu „Zwischen Atem, Algorithmus und der Illusion vom „kostenlos““

  1. Liebe Marika, Danke für deinen Mut so klar Worte für Yoga und Lohnkosten zu finden. Yoga und die Philosophie die dahinter steht ist mit Geld gar nicht aufzuwiegen. So wertvoll ist daher der Yogaunterricht und ich bin als Yogakollegin ganz bei dir. Wertvolle Arbeit muss gerecht bezahlt werden. Herzliche Grüße Antonia

    1. Liebe Antonia,

      danke dir von Herzen für deine Worte. 💛
      Es tut gut zu lesen, dass genau das ankommt, was ich ausdrücken wollte.

      Ja – Yoga ist unbezahlbar in dem, was er innerlich bewegt. Und gerade deshalb, bringe ich gerne den Mut auf, es zu kommunizieren.
      Wenn wir unsere Arbeit wertschätzen, erlauben wir ihr, langfristig zu wirken.

      Danke, dass du dich als Kollegin so klar positionierst. Das fühlt sich nach Verbundenheit an.

      HerzLicht
      Marika

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